Einführung: Den Strukturierten Dialog verstehen

 

Ein "Dialog" ist ein Zwiegespräch, bei dem nicht nur einer spricht und der andere zuhört, sondern beide Seiten wechselseitig etwas zum Gelingen des Gesprächs beitragen. "Strukturieren" heißt, Dingen eine bestimmte Ordnung zu geben. 

Beim Strukturierten Dialog mit der Jugend geht es darum, dem Dialog zwischen Jugendlichen und politischen Entscheidungsträger_innen eine Ordnung zu geben. Der Dialog wird systematisiert, so dass das, was junge Menschen beizutragen haben, bei Erwachsenen in Institutionen, Politik und Verwaltung Gehör findet und bei der Politikgestaltung ernsthaft berücksichtigt wird.

Die Idee: Jugendbeteiligung durch Dialog

Junge Menschen müssen aktiv in die Gestaltung und Umsetzung europäischer Politik einbezogen werden. Das haben sich nicht nur die EU-Kommission und der EU-Jugendministerrat auf die Fahnen geschrieben. Es zählt seit 2009 auch zu den vertraglich festgelegten Zielen der Europäischen Union. 

Mehr zu den vertraglichen Zielen

Ganz konkret findet sich dies in Artikel 165 des Vertrags von Lissabon wieder, der im Dezember 2009 in Kraft trat und das zentrale Grundlagendokument der Europäischen Union ist. In dem Artikel heißt es: 


Die Tätigkeit der Union hat folgende Ziele: [...]

  • Förderung des Ausbaus des Jugendaustauschs und des Austauschs sozialpädagogischer Betreuer und verstärkte Beteiligung der Jugendlichen am demokratischen Leben in Europa.

 

 

Doch Jugendbeteiligung zu stärken, bedeutet nicht nur, dass Jugendliche aufgefordert sind, sich aktiv in europäische Debatten einzubringen. Es heißt auch, dass politische Entscheidungsträger_innen in Europa auf die junge Generation zugehen und ihr Möglichkeiten zur Mitsprache und Mitgestaltung eröffnen müssen.

Für die europäische Jugendpolitik bietet der Strukturierte Dialog eine solche Mitwirkungsmöglichkeit. Er ist ein offenes Dialogforum, in dem Jugendliche und politische Entscheidungsträger_innen regelmäßig zusammenkommen und gemeinsam über ausgewählte Themen diskutieren. Jugendliche bringen dabei ihre Anliegen, Forderungen und Wünsche vor; Vertreter_innen aus Politik und Verwaltung setzen sich ernsthaft damit auseinander, berücksichtigen sie bei ihrer Entscheidungsfindung und geben ein Feedback.

 

Ziel ist es, junge Menschen als politische Akteure und Expert_innen in eigener Sache ernst zu nehmen und sie systematisch in die Politikgestaltung einzubeziehen. Gleichzeitig erfahren politische Entscheidungsträger_innen mehr über das Leben und die Ansichten von Jugendlichen. Dieses Wissen sollen sie nutzen, um ihre Entscheidungen zu qualifizieren. Ein Wechselspiel also, von dem beide Seiten profitieren können.
 
Die besondere Herausforderung dabei ist, dass der Strukturierte Dialog zwischen Jugend und Politik nicht erst auf der europäischen Ebene beginnt, sondern auch die lokale, regionale und nationale Ebene einbeziehen soll. Auf diese Weise sollen die europäischen Prozesse "geerdet" und mit der Lebenswelt von jungen Menschen verknüpft werden.

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Es mag im ersten Moment überraschen, dass gerade ein europäisches Konzept neue Impulse für die Jugendbeteiligung liefern soll. Auf den zweiten Blick ist das jedoch weit weniger erstaunlich: 

Gerade weil eine recht große Distanz gegenüber der europäischen Ebene besteht, geht die Europäische Union gezielt neue Wege, um Bürger_innen einzubeziehen und sie außerhalb der üblichen Wege der repräsentativen Demokratie (zum Beispiel Wahlen) an der Gestaltung europäischer Politik zu beteiligen. Der Strukturierte Dialog ist einer dieser neuen Wege.

Übrigens

Einen Strukturierten Dialog gibt es nicht nur im Jugendbereich. Die Europäische Union nutzt das Instrument regelmäßig, um staatliche wie nicht-staatliche Akteure an der Entwicklung und Umsetzung von politischen Vorhaben zu beteiligen. Neben dem Strukturierten Dialog mit der Jugend finden sich Beispiele im Kultur- und Sportbereich oder in der Entwicklungszusammenarbeit. Dabei hat jeder Dialog seine eigenen Verfahren und Regeln.

Das Konzept: Dialog mit Struktur

Der Strukturierte Dialog soll explizit kein Elitenprojekt sein, sondern alle Jugendlichen in der EU ansprechen. In der EU leben rund 100 Millionen junge Menschen im Alter zwischen 15 und 29 Jahren. Nun kann sich jede_r vorstellen, dass es schwierig wird, wenn die Mehrheit von ihnen, in einen persönlichen Dialog mit Vertreter_innen der Europäischen Kommission, des Europäischen Parlaments und des EU-Jugendministerrats tritt. Nicht zu vergessen, die zahlreichen politischen Entscheidungsträger_innen in den EU-Mitgliedstaaten, die auch einbezogen werden sollen. Man bedenke nur die Vielzahl der möglichen Themen, die besprochen werden könnten. 
 
Um einen solchen Dialog möglich zu machen, braucht es einen Rahmen, der die verschiedenen Dialogprozesse strukturiert und für eine gemeinsame Zielrichtung sorgt. Kurz gesagt: Man braucht eine Struktur.

Die "Struktur" des Strukturierten Dialogs beruht auf drei Standbeinen:

Der gemeinsame Bezugspunkt: Der Strukturierte Dialog und die EU-Jugendstrategie

Der Strukturierte Dialog ist seit 2010 eng mit der sogenannten EU-Jugendstrategie verknüpft. Diese bildet die Grundlage für die Zusammenarbeit der EU-Mitgliedstaaten im Jugendbereich und legt fest, mit welchen Zielen, in welchen Themenfeldern und mit welchen Instrumenten Jugendpolitik in Europa bis 2018 vorangebracht werden soll. >>> Mehr zur EU-Jugendstrategie

Der Strukturierte Dialog ist eines der Instrumente der EU-Jugendstrategie - wenn man so will ihr "Jugendbeteiligungsinstrument". Er soll sicherstellen, dass bei ihrer Umsetzung die Meinungen und Anliegen junger Menschen einbezogen werden. "Umsetzung der EU-Jugendstrategie" heißt dabei, dass die EU-Mitgliedstaaten und die EU-Kommission die Impulse aus der EU-Jugendstrategie nutzen, um die Jugendpolitik bzw. Jugendarbeit weiterzuentwickeln. 

Um die Zusammenarbeit ein wenig zu koordinieren, werden für bestimmte Zeiträume ausgewählte Themen der EU-Jugendstrategie in den Fokus gestellt. Dies sind gleichzeitig die Schwerpunktthemen für den Strukturierten Dialog. Die Themen und Fragestellungen des Strukturierten Dialogs sind also nicht beliebig wählbar, sondern ergeben sich direkt aus der EU-Jugendstrategie.

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Das bricht mit dem Bottum-up-Ansatz, dem der Strukturierte Dialog eigentlich zugrunde legt, also der Idee, dass sich die Dialogprozesse von unten nach oben aufbauen. Es ist aber eine Notwendigkeit, wenn man Ergebnisse europaweit zusammenführen möchte.

Darüber hinaus basiert auch die EU-Jugendstrategie auf einem Konsultationsprozess, der neben den Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten unter anderem auch Jugendliche und Jugendorganisationen einbezog.

Aus der EU-Jugendstrategie:
"Der strukturierte Dialog mit jungen Menschen und Jugendorganisationen, der als Plattform für den ständigen Gedankenaustausch über die Prioritäten und die Durchführung der jugendpolitischen Zusammenarbeit in Europa und das weitere Vorgehen dient, sollte fortgesetzt und ausgebaut werden. [...] Der Dialog sollte möglichst viele Gruppen einschließen und auf lokaler, regionaler, nationaler und auf EU-Ebene geführt werden [...]."

Wer jetzt denkt, die Umsetzung der EU-Jugendstrategie ginge ihn nichts an, liegt falsch. Denn mit ihrer Verabschiedung, war auch die Aufforderung an die EU-Mitgliedstaaten verbunden, die Inhalte in ihre jeweilige Jugendpolitik einzubeziehen.

In Deutschland verfügen alle politischen Ebenen - von der Kommune bis zum Bund - über jugendpolitische Kompetenzen. Die EU-Jugendstrategie wird also nicht nur in Brüssel umgesetzt, sondern auch vor der eigenen Haustür. Dasselbe gilt damit für den Strukturierten Dialog. Deshalb sind auch politische Entscheidungsträger_innen auf der lokalen und regionalen Ebene aufgefordert, den Dialog mit jungen Menschen zu suchen und die Ergebnisse bei ihren politischen Entscheidungen zu berücksichtigen.

Der Strukturierte Dialog fördert damit nicht nur Jugendbeteiligung auf europäischer Ebene, sondern gibt auch Impulse für die Jugendpartizipation in Deutschland.


Schrittmacher: Die zeitlichen Vorgaben

Damit der Strukturierte Dialog zielgerichtet und ergebnisorientiert ist, braucht es einen klaren zeitlichen Rahmen, an dem sich die verschiedenen dezentralen Dialogprozesse orientieren können.

Das heißt, es muss im Vorfeld bekannt sein, wann die Ergebnisse der einzelnen Dialogprozesse zusammengeführt werden, so dass man seine Aktivitäten vor Ort daran ausrichten kann. Für den Strukturierten Dialog auf europäischer Ebene legt die EU-Jugendstrategie Arbeitsphasen von 18 Monaten fest. Dialogprozesse auf lokaler, regionaler oder nationaler Ebene können eigenen Zeitplänen folgen.  >>> Mehr zur Umsetzung


Mehr als bloß reden: Kernelemente für einen gelingenden Dialog

Nicht jeder Dialog zwischen Jugendlichen und politischen Entscheidungsträger_innen ist ein Strukturierter Dialog. Dieser zeichnet sich durch folgende Kernelemente aus: 

  • Partnerschaftliche Kommunikation und Ernsthaftigkeit: Jugendliche und politische Entscheidungsträger_innen führen einen unmittelbaren Dialog auf Augenhöhe. Beide Seiten erkennen sich als gleichberechtigte Dialogpartner an und nehmen einander, aber auch den Prozess, an dem sie beteiligt sind, ernst. 


  • Transfer: Die Ergebnisse der einzelnen Dialogprozesse werden festgehalten, weitergegeben und mit den Ergebnissen anderer Dialogprozesse gebündelt. Durch die Zusammenführung lässt sich erkennen, welche Anliegen viele junge Menschen, die an unterschiedlichen Orten in Deutschland bzw. Europa leben, gemeinsam haben und wo ein dementsprechendes politisches Handeln von Entscheidungsträger_innen erforderlich ist.


  • Verbindlichkeit:  Der Strukturierte Dialog ist kein Mitentscheidungsinstrument. Die politischen Entscheidungsträger_innen sind nicht verpflichtet, die Forderungen der Jugendlichen eins zu eins umzusetzen. Die Verbindlichkeit besteht darin, dass sie sich mit den Ergebnissen des Dialogprozesses auseinander setzen und diese ernsthaft in ihre Meinungsbildung und Entscheidungsfindung einbeziehen.


  • Transparenz: Die am Strukturierten Dialog Beteiligten erhalten eine Rückmeldung dazu, was aus ihren Vorschlägen und Forderungen geworden ist.


  • Kontinuität: Es bleibt nicht bei einem einmaligen Treffen zwischen Jugendlichen und politischen Entscheidungsträger_innen. Ziel ist es, eine regelmäßige Dialogbeziehung aufzubauen, denn das sorgt für Nachhaltigkeit.

  • Breite Beteiligung: Der Strukturierte Dialog soll kein Elitenprojekt, sondern ausdrücklich für alle Jugendlichen und Jugendorganisationen offen sein. Ziel ist es, möglichst viele Jugendliche in die Dialogprozesse einzubeziehen.



Kurz & Knapp: Strukturierter Dialog bedeutet, dass...

  • sich Jugendliche und politische Entscheidungsträger_innen auf Augenhöhe austauschen;
  • ausgewählte Themen der EU-Jugendstrategie bearbeitet werden;
  • die Ergebnisse festgehalten, zusammengeführt und weitergeleitet werden;
  • Politik und Verwaltung die Anliegen junger Menschen ernst nehmen und bei politischen Entscheidungen miteinbeziehen;
  • es ein Feedback dazu gibt, was aus den Anliegen der Jugendlichen geworden ist.


??? Mehr dazu, wie der Strukturierte Dialog in der Praxis funktioniert

Termine

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Koordinierungsstelle zur Umsetzung des Strukturierten Dialogs in Deutschland
c/o Deutscher Bundesjugendring | Mühlendamm 3 | 10178 Berlin

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