Der Strukturierte Dialog zum Thema "Jugendbeschäftigung"

Von Januar 2010 bis Juni 2011 stand das Thema "Jugendbeschäftigung" im Mittelpunkt des Strukturierten Dialogs. Konkret ging es um die Frage, wie die Arbeitssituation von jungen Menschen in Europa verbessert werden kann. 


Zu Beginn des 18-monatigen Zeitraums standen die Akteure vor einer großen Herausforderung: Anfang 2010 war die EU-Jugendstrategie frisch verabschiedet und der Strukturierte Dialog sollte das erste Mal nach dem neuen Verfahren durchgeführt werden. Man konnte auf keine Erfahrungen zurückgreifen und die meisten nationalen Arbeitsgruppen wurden in den Mitgliedsländern erst im Laufe des Jahres gegründet. Also hieß es, Pionierarbeit leisten!

Der Europäische Lenkungsausschuss entschied sich dazu, in einem ersten Schritt, nach den Herausforderungen und Problemen zu fragen, in der zweiten Phase Empfehlungen zu erarbeiten und am Ende Vorschläge für konkrete Maßnahmen zusammenzutragen.

Foto: Ivonne Wierink - fotolia
Junger Mann im Blaumann und junge Frau in weißer Kochuniform. Foto: Ivonne Wierink - fotolia

Warum das Thema "Jugendbeschäftigung"?

Der Arbeitszyklus für den Strukturierten Dialog zum Thema "Jugendbeschäftigung" begann am 1. Januar 2010 und endete am 30. Juni 2011. Er umfasste die EU-Ratspräsidentschaften von Spanien (1. Halbjahr 2010), Belgien (2. Halbjahr 2010) und Ungarn (1. Halbjahr 2011), zusammen als Triopräsidentschaft bezeichnet.

Der Grund für die Auswahl des Themas "Jugendbeschäftigung" offenkundig: Die Jugendarbeitslosigkeit in Europa ist in den letzten Jahren deutlich angestiegen und hat in einigen Ländern dramatische Ausmaße angenommen. Viele Jugendliche stehen vor großen Herausforderungen, wenn es um ihre berufliche Zukunft geht. 


Die Ergebnisse aus dem Strukturierten Dialog sollten politischen Entscheidungsträger_innen konkrete Anregungen geben, wie die Situation junger Europäer_innen auf und beim Einstieg in den Arbeitsmarkt verbessert werden kann. 

 

1. Phase: Herausforderungen und Probleme bestimmen

Ziel
Ziel war es zu erfahren, was Jugendliche in Europa als die zentralen Herausforderungen und Probleme ansehen, wenn es um Ausbildung, Berufseinstieg und den Arbeitsmarkt geht. 

Konsultationsprozess in Deutschland 
Die Konsultation fand von Januar bis März 2010 statt. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Deutschland noch keine klar benannten Verantwortlichen für den Strukturierten Dialog und damit für die Sammlung der Ergebnisse. So sprang der Deutsche Bundesjugendring in die Lücke, um wenigstens mit einer Abfrage bei Jugendverbänden und Jugendringen eine Antwort zusammenzustellen.

Ergebnisse der EU-Jugendkonferenz in Jerez/Spanien (April 2010)
Die EU-weiten Ergebnisse wurden bei der Jugendkonferenz im April 2010 zusammengefasst. Die Teilnehmenden arbeiteten rund 30 zentrale Probleme und Herausforderungen heraus, die in die folgenden sechs Themenfelder gegliedert waren:

  • Zugang zum Arbeitsmarkt
  • Unternehmertum und Selbstständigkeit junger Menschen
  • Arbeitsbedingungen und gleiche Chancen, Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben
  • Ausbildung und Bildung, lebenslanges Lernen und Mobilität, Innovation, Kreativität und Nutzung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien
  • Sozialer Dialog, Partizipation und die Rechte von Arbeitnehmern_innen
  • Sozialer Zusammenhalt und Integration


>>> Abschlusserklärung der spanischen EU-Jugendkonferenz (auf Englisch)

 

2. Phase: Empfehlungen für die Jugendpolitik

Ziel
Im zweiten Schritt ging es darum, Vorschläge und Empfehlungen zur Lösung der zuvor identifizierten Probleme und Herausforderungen zusammenzutragen. Die Ergebnisse der ersten Phase dienten dabei als Grundlage für die weitere Diskussion.

Konsultationsprozess in Deutschland
Die Konsultation fand von Mai bis August 2010 statt. In Deutschland hatte sich die Nationale Arbeitsgruppe zum Strukturierten Dialog noch nicht konstituiert. Deshalb übernahm die im Sommer 2010 eingerichtete Nationale Koordinierungsstelle die Aufgabe, die Ergebnisse in Deutschland zusammenzutragen. Hierfür wurden alle durch JUGEND IN AKTION geförderten Projekte (Aktion 1.3 und 5.1) angefragt und Positionen von Jugendverbänden und -ringen zum Thema ausgewertet.

>>> Konsultationsergebnisse aus Deutschland zur zweiten Phase

Ergebnisse der EU-Jugendkonferenz in Löwen/Belgien (Oktober 2010)
Die Teilnehmer_innen der belgischen EU-Jugendkonferenz im Oktober 2010 fassten den Input aus den EU-Mitgliedsländern zu 40 Empfehlungen in den folgenden acht Themenfeldern zusammen:

  • Information, Betreuung und Unterstützung von Jugendlichen
  • Anerkennung von Kompetenzen
  • Soziale Absicherung
  • Übergang vom Unterricht in den Arbeitsmarkt
  • Diskriminierung bekämpfen
  • Beteiligung der Jugendlichen am gesellschaftlichen Dialog
  • Privatleben und Arbeit in Einklang bringen
  • Die Rolle der Jugendarbeit

 

>>> Abschlusserklärung der belgischen EU-Jugendkonferenz (auf Deutsch)

Zum Weiterlesen

3. Phase: Vorschläge für konkrete Maßnahmen

Ziel
In der dritten und letzten Runde drehte sich alles um die Konkretisierung der Empfehlungen und Vorschläge zur Umsetzung in die Praxis.

Konsultationsprozess in Deutschland
Die Konsultation fand von November 2010 bis Januar 2011 statt. Nach Beratungen in der Nationalen Arbeitsgruppe zum Strukturierten Dialog wurde ein vereinfachter Fragebogen, gemeinsam mit den in leicht verständliches Deutsch übertragenen und kommentierten Empfehlungen aus Löwen, an die durch JUGEND IN AKTION (Aktion 1.3 und 5.1) geförderten Projekte sowie Jugendverbände und -ringe verschickt. Insbesondere die Projekte und Verbände, die sich an der 2. Konsultationsrunde beteiligt hatten, wurden explizit angesprochen und teilweise zusätzlich in Telefoninterviews befragt. Darüber hinaus standen die Unterlagen online zum Abruf bereit und wurden über soziale Netzwerke beworben. 

>>> Konsultationsergebnisse aus Deutschland zur 3. Phase

Ergebnisse der EU-Jugendkonferenz in Budapest/Ungarn (März 2011)
Die EU-Jugendkonferenz in Budapest endete mit acht konkreten Empfehlungen und 36 Vorschlägen zur Verbesserung der Situation Jugendlicher auf dem Arbeitsmarkt. Die acht Empfehlungen orientieren sich dabei eng an den acht Themenfeldern des Abschlussdokuments der belgischen EU-Jugendkonferenz. Ergänzt werden die Empfehlungen durch konkrete Vorschläge an die Politik und durch Hinweise darauf, welchen Beitrag junge Menschen selbst beisteuern können, um Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen.

>>> Abschlusserklärung der ungarischen EU-Jugendkonferenz (auf Deutsch)

 

 

Der Abschluss des Strukturierten Dialogs zur Jugendbeschäftigung

Mit der ungarischen EU-Ratspräsidentschaft ging der erste Arbeitszyklus des Strukturierten Dialogs nach dem neuen in der EU-Jugendstrategie festgelegten Verfahren zu Ende. Im Laufe der vergangenen 18 Monate haben sich mehr und mehr Mitgliedstaaten und damit mehr und mehr junge Menschen an dem Prozess beteiligt. 

Die Ratsentschließung zum Strukturierten Dialog mit jungen Menschen über die Jugendbeschäftigung

Auf ihrer tournusmäßigen Tagung im Mai 2011 beschäftigten sich die EU-Jugendminister_innen mit den Ergebnissen des Strukturierten Dialogs und dem Verlauf des Prozesses. Ihre Bilanz wurde in einer Ratsentschließung festgehalten.

Die Schlussfolgerungen des Rates zum Thema "Jugendbeschäftigung"

Das Ergebnis des dreistufigen Prozesses waren acht konkrete Empfehlungen. Sie bildeten die Grundlage für die fünf Schlussfolgerungen, die der Rat nun zur Jugendbeschäftigung verabschiedete. Das ist zwar nicht viel, aber trotzdem etwas Neues: Denn damit flossen erstmals direkt Forderungen von jungen Menschen in eine Ratsentschließung ein.

 

Die 5 Schlussfolgerungen des Rates im Wortlaut

  1. Es ist von besonderer Bedeutung, allen jungen Menschen, insbesondere benachteiligten Jugendlichen, den Zugang zu jugendfreundlichen hochwertigen Informationen über den Arbeitsmarkt zu erleichtern. Laufbahnbezogene Ausbildung und Beratung müssen in alle geeigneten Bereiche der formalen Bildung und der nicht formalen Bildungswege eingebracht werden, damit die Jugendlichen für die Anforderungen des Arbeitmarkts sensibilisiert, ihre Chancen in dieser Hinsicht verbessert und sie auf das Arbeitsleben vorbereitet werden.

  2. Jugendarbeit und nicht formales Lernen sollten anerkannt und unterstützt werden, da sie eine wichtige Rolle bei der Vermittlung von Fähigkeiten und Kompetenzen an Jugendliche spielen und diesen auf diese Weise den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern; ferner tragen sie somit zur Erreichung der Ziele der Strategie Europa 2020 bei.

  3. Es ist von größter Wichtigkeit, den Zugang Jugendlicher zum Arbeitsmarkt gegebenenfalls durch darauf zugeschnittene politische Maßnahmen zu verbessern; außerdem ist ein Qualitätsrahmen für Praktika wünschenswert, um den Bildungswert einer solchen Erfahrung zu gewährleisten.

  4. Junge Menschen benötigen mehr Flexibilität und Sicherheit, damit sie Erwerbstätigkeit mit weiteren Bildungs- und Weiterbildungsmaßnahmen, Freiwilligentätigkeiten und Privatleben vereinbaren können.

  5. Die Förderung eines gleichberechtigten Zugangs junger Menschen zu Mobilität ist notwendig; dafür müssen unter Bezugnahme auf die Strategie Europa 2020 und insbesondere die Leitinitiative "Jugend in Bewegung" verwaltungstechnische Verfahren vereinfacht werden.


Die Schlussfolgerungen des Rates zum Prozess des Strukturierten Dialogs

Doch die Umsetzung des Strukturierten Dialogs läuft noch nicht ganz rund. Die Nationalen Arbeitsgruppen haben mit einer ganzen Reihe von Herausforderungen zu kämpfen. Deshalb empfiehlt der Rat, das Verfahren weiterzuentwickeln. Besonderer Nachbesserungsbedarf wird in den Bereichen Follow-up & Feedback, Beteiligung aller Akteure, finanzielle Unterstützung, zeitliche Rahmenbedingungen und Methoden gesehen.

Die Empfehlungen im Detail

  • Follow-up & Feedback: Ein wesentliches Element des Strukturierten Dialogs ist, dass politische Entscheidungsträger_innen sich mit den Forderungen und Vorschlägen der jungen Menschen auseinander setzen und diese anschließend ein Feedback dazu erhalten, was daraus geworden ist. Beides funktioniert noch nicht optimal und sollte laut Empfehlung des Rates ausgebaut werden.

  • Beteiligung aller Akteure: Der Rat empfiehlt, verstärkt benachteiligte junge Menschen, Vertreter_innen lokaler und regionaler Behörden sowie Jugendforscher_innen einzubinden. Darüber hinaus sei eine bessere und transparentere Kommunikation zwischen allen Beteiligten notwendig.

  • Finanzielle Unterstützung des Strukturierten Dialogs: Unabhängig davon, wie der EU-Finanzrahmen ab 2014 aussehen wird, sollte bei der nächsten Generation von EU-Programmen eine nachhaltige Unterstützung des Strukturierten Dialogs vorgesehen werden.

  • Zeitlicher Rahmen: Es sollten ein geeigneter, realistischer Zeitrahmen und Fristen für die Konsultationen gesetzt werden.

  • Methoden: Der Rat empfiehlt unter anderem 

    • die Entwicklung relevanter und effizienter Methoden, die zu hochwertigen Ergebnissen führen; 
    • den Austausch guter Praxis zwischen den Nationalen Arbeitsgruppen; 
    • die Vereinfachung des Prozesses und der Strukturen; 
    • den Einsatz passender und vielfältiger Methoden (z.B. soziale Netzwerke, Internet, Online-Konsultationen); 
    • einen Prozess, der für junge Menschen Bedeutung hat; 
    • den Gebrauch einer klaren und präzisen Sprache bei der Formulierung der Konsultationsfragen; 
    • die Verfeinerung der Arbeitsmethoden auf den EU-Jugendkonferenzen.

Das Ende ist erst der Anfang: Transfer der Ergebnisse in die Politik

Abschlusserklärungen sind schön und gut, aber Papier ist sehr geduldig. Damit der Strukturierte Dialog echte Wirkung zeigt, müssen sich politische Entscheidungsträger_innen ernsthaft mit den Ergebnissen auseinander setzen.

 

Der EU-Jugendministerrat hat mit der Verabschiedung seiner Entschließung im Mai 2011 einen Anfang gemacht. Die Wirkung von Entschließungen ist aber eher schwach, weshalb das nur ein erster Schritt sein kann. 

Denn die beteiligten Jugendlichen und Jugendorganisationen werden ein Feedback einfordern und anschließend sicherlich genau beobachten, was mit den Ergebnissen passiert und inwieweit sie bei politischen Entscheidungen in der Europäischen Union und in den Mitgliedstaaten berücksichtigt werden. Erst daran wird sich zeigen, ob der Strukturierte Dialog echte Wirkung zeigt oder nicht.


Was hat der Strukturierte Dialog bislang gebracht? Eine Bilanz nach den ersten 18 Monaten

"Ich sehe, dass wir Jugendlichen mit dem Strukturierten Dialog in der EU weit mehr Gehör finden. Wenn auf einer Jugendkonferenz zur Hälfte Jugenddelegierte und zur Hälfte Generaldirektoren in Arbeitsgruppen zusammenkommen, hat das nachhaltige Wirkung. Es wird wirklich gehört, was uns angeht, und die Ergebnisse werden dokumentiert.

Auch die Weiterentwicklung des Dialogs in einem Sechsmonatstakt ist erkennbar, und ich finde das einen richtigen Ansatz. Mit dem Strukturierten Dialog ist die EU-Jugendstrategie weit verbindlicher geworden! Ich glaube auch, dass sich hier in der näheren Zukunft noch viel tun wird
."

Marah Köberle
Deutsche Jugendvertreterin bei den
EU-Jugendkonferenzen in Spanien, Belgien und Ungarn



Die Konkretisierungen in der EU-Jugendstrategie haben dem Strukturierten Dialog ohne Zweifel neuen Schwung verliehen. Der Dialog mit der Jugend steht derzeit ganz oben auf der jugendpolitischen Agenda der Europäischen Union und auch in den EU-Mitgliedsländern wird seine Umsetzung mit neuer Ernsthaftigkeit vorangetrieben.

Das zeigt sich unter anderem daran, dass bis Anfang 2011 in allen 27 Ländern nationale Arbeitsgruppen eingerichtet wurden und sich von Runde zu Runde mehr Länder an den Konsultationen beteiligten. Das ist sicherlich auch dem Europäischen Lenkungsausschuss zu verdanken, der dafür gesorgt hat, dass das Thema zielgerichtet und mit konkreten Fragestellungen bearbeitet wurde.

Klar ist auch, dass ein solch ambitioniertes Vorhaben nicht ohne Schwierigkeiten umsetzbar ist. In den meisten Ländern ist es noch nicht gelungen, die Beteiligungs- und Befragungsprozesse auf eine breite Basis zu stellen. Es braucht Zeit, bis die passenden Konzepte entwickelt und die notwendigen Verfahren in jedem Land eingerichtet sind. Das gilt auch für Deutschland. Darüber hinaus müssen die zeitlichen und inhaltlichen Vorgaben von europäischer Seite stärker an die Realitäten in den Ländern angepasst werden. Kritik gibt es vor allem an den kurzen Zeiträumen für die Konsultationen.

Dabei sollte man nicht aus den Augen verlieren, dass wir uns noch immer am Anfang eines recht komplexen Prozesses befinden, an dem europaweit viele tausend Akteure beteiligt sind. Der erste Arbeitszyklus war nicht ganz einfach, aber der Fortschritt zum Strukturierten Dialog vor der EU-Jugendstrategie ist deutlich spürbar. Auf den Erfahrungen aus der ersten Runde gilt es nun aufzubauen, um die Rahmenbedingungen weiter zu verbessern.


Koordinierungsstelle zur Umsetzung des Strukturierten Dialogs in Deutschland
c/o Deutscher Bundesjugendring | Mühlendamm 3 | 10178 Berlin

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